Kritik der Vernunft oder Vernunft der Kritik? Vernunftkritik in den kritischen Theorien

Kritik der Vernunft oder Vernunft der Kritik? Vernunftkritik in den kritischen Theorien

Zusammenfassung

Podiumsdiskussion über Vernunftkritik mit Thomas Biebricher, Dagmar Comtesse, Rainer Forst, Katharina Hoppe, Francesca Raimondi, Martin Saar (Moderation: Frieder Vogelmann)

Datum
31. Januar 2020
18:00 — 21:00
Veranstaltung
Podiumsdiskussion
Ort
Goethe-Universität Frankfurt am Main, Gebäude »Normativer Ordnungen«, EG 01

Die Veranstaltung ist öffentlich, aber um vorherige Anmeldung unter vernunftkritik__at__frieder-vogelmann__dot__net wird gebeten.

»Vernunftkritik« mag nach Nostalgie für die 1980er Jahre, nach abgestandenen, verletzenden und erschöpft abgebrochenen Debatten klingen. Doch drängt das zuletzt aus dem Blick geratene Thema heute mit Macht zurück ins Rampenlicht, denn die in der Öffentlichkeit und den Wissenschaften geführten Diskussionen über den Zusammenhang von Wahrheit und Politik sind im Kern ein Streit, der sich um die Rolle von Vernunftkritik dreht. Auf der einen Seite hören wir, dass die Vernunft angegriffen wird, und zwar nicht nur von autoritären Politiker_innen und von ihnen verführten Bürger_innen, sondern auch von all jenen, die mit exzessiver Kritik an Fakten, Werten und Wahrheit den Boden für die Allgegenwart ubuesker Souveräne und dem achselzuckenden Desinteresse der Öffentlichkeit bereitet haben sollen. Kurz: Hinter den »postfaktischen« Verhältnissen heute steht die postmoderne Vernunftkritik.

Auf der anderen Seite sehen nicht nur die derart angegriffenen Vernunftkritiker_innen einen naiven Positivismus wieder auferstehen, der weder bereit ist, sich mit den historischen Tatsachen von Politik und den Wissenschaften zu beschäftigen, noch die Komplexität des Verhältnisses von Wahrheit und Politik anerkennt. Denn wie anders wäre es zu erklären, dass die Kritiker_innen unserer »postfaktischen Ära« mit dieser Zeitdiagnose eine scharfe Zensur zwischen einer veridisch intakten Politik in der Vergangenheit ausmachen zu können glauben, die es nie gab? Wie anders ließe sich begreifen, dass sie Respekt vor »der wissenschaftlichen Methode« predigen, vor deren Gestalt ihnen freilich graut, sobald die Wissenschaftsgeschichte oder -theorie über ihre Details berichtet? Nicht zuletzt übersieht ihr Kurzschluss von liberaler Demokratie und Wahrheit die vielfach beschriebene Despotie von Wahrheit im Reich der Politik (Arendt). Kurz: Hinter der technokratischen Post-Politik heute steht eine lange unhinterfragter Mangel an Vernunftkritik.

Kritische Theoretiker_innen jeder Couleur sind angesichts dieser Situation aufgerufen, neu über das Verhältnis von Vernunft und Kritik nachzudenken. Denn die zugespitzt zusammengefasste Debatte berührt auch im engeren Sinne theoretische Fragen, wie etwa nach dem »Elend« (Bruno Latour) bzw. dem »langen Atem der Kritik« (Didier Fassin), nach einer Pluralität von Vernünften jenseits der kolonialen Vernunft des Globalen Nordens – und natürlich nach der begrifflichen Fassung von Vernunft und Vernunftkritik in kritischen Theorien, die Vernunft nicht in Bausch und Bogen verabschieden wollen.

Diskutant_innen

Thomas Biebricher
Dagmar Comtesse
Rainer Forst
Katharina Hoppe
Francesca Raimondi
Martin Saar
Moderation: Frieder Vogelmann