Frieder Vogelmann

Drastisch gegenwärtig.
Über Stil und Geschichte in der Philosophie




Kritische Theorie(n). Ein Workshop mit Martin Saar


Frankfurt am Main/online
20./21. November 2020

These

In seinen Reflexionen auf Drastik und auf die Gegenwärtigkeit von Philosophie hat Martin Saar begonnen, seiner philosophischen Arbeit eine eigene Gestalt zu geben, die weder in den ideengeschichtlichen noch in den systematischen Referenzen seiner Arbeiten aufgeht.

I. Martin Saar, die Genealogie, die Drastik (Leipzig, gestern)

Beide, Drastik wie Vernunft, haben in den Massenmedien des postmodernen juste milieu eine denkbar schlechte Presse.

Dietmar Darth, Die salzweißen Augen.
Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit
(2005), 79

I. Martin Saar, die Genealogie, die Drastik (Leipzig, gestern)

Genealogie als eigenes Genre der Kritik hat drei notwendige Prämissen
  1. Subjektivierungstheoretisch setzen Genealogien die Historizität des Selbst voraus.
  2. Die Genesen von Subjektformen sind Machtgeschehen, Genealogien verlangen deshalb nach Machtanalytik.
  3. Genealogien bedürfen der rhetorischen Form der Übertreibung, um die Geschichten, die wir uns gewöhnlich über unsere eigene Gewordenheit erzählen, als parteiisch, partiell und alle unterlegenen Alternativen auslöschend zu erweisen.

I. Martin Saar, die Genealogie, die Drastik (Leipzig, gestern)

Drastisch werden bedeutet, gewisse Grenzen und Beschränkungen gerade nicht zu respektieren, sondern aufzuheben.

Martin Saar, »Zu viel. Drastik und Affekt«, 20

I. Martin Saar, die Genealogie, die Drastik (Leipzig, gestern)

Drastische Kritik benennt

»echte« Probleme und Gefahren, die allerdings in der Begriffs- und Sichtbarkeitswelt, wie sie besteht, noch nicht artikulierbar und sichtbar sind, und dazu braucht es drastische Mittel; und sie sind zugleich Spekulationen, Imaginationen von möglichen Alternativen, Ausbrüchen, Überwindungen.

Martin Saar, »Drastische Politische Theorie«, 2

II. Gegenwart als Immanenz (Frankfurt, heute)

Diese andere kritische Tradition [stellt] die folgende Fragen […]: Was ist die Gegenwart? Was ist das gegenwärtige Feld unserer Erlebnisse? Was ist das gegenwärtige Feld möglicher Erlebnisse?

Michel Foucault, Die Regierung des Selbst und der anderen.
Vorlesung am Collège de France 1982/83
(2009), 39.

II. Gegenwart als Immanenz (Frankfurt, heute)

Gegenwart als… …Resultat der Vergangenheit …Absprung in die Zukunft
affirmativ traditionelle Philosophie futuristische Philosophie
kritisch ideologiekritische Philosophie revolutionäre Philosophie

II. Gegenwart als Immanenz (Frankfurt, heute)

Gegenwart immanent denken
  1. Pluralität: Die Gegenwart müssen vielfältig gedacht werden, d.h. als Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitschichten.
  2. Differenz: Diese vielfältigen Gegenwarten werden nicht von einem einheitlichen Machtregime regiert; deshalb gibt es Spielraum für nonkonformistisches Denken.
  3. Kontingenz: Die Gegenwart plural und different zu denken erfordert, die Einsicht in die Abwesenheit letzter Gründe des Postfundamentalismus anzuerkennen.
  4. Heterogenität: Philosophie kann dann »nicht nicht Partei ergreifen« in den vielen Kämpfen der Gegenwart.

II. Gegenwart als Immanenz (Frankfurt, heute)

Radikal gegenwärtig zu philosophieren bedeutet für diese Form von Immanenzphilosophie, die eigene Situiertheit einzusehen und praktisch anzuerkennen in den eigenen Äußerungen, die ihre Zeit und ihren Ort nicht verleugnen können.

III. Drastisch gegenwärtige Philosophie (morgen)

In der Vernichtung der Frage bewährt sich erst die Echtheit philosophischer Deutung und reines Denken vermag sie von sich aus nicht zu vollziehen: darum zwingt sie die Praxis herbei.

Theodor W. Adorno, »Die Aktualität der Philosophie« (1931), 338 f.

III. Drastisch gegenwärtige Philosophie (morgen)

1. Drastik muss als Praxis verstanden werden, Abstand in der Immanenz herzustellen.

Die Drastikerinnen und Drastiker […] dramatisieren absichtlich und absichtsvoll, aber nicht, um der Realität und Gegenwart etwas erfundenes entgegenzusetzen, sondern [um] etwas über diese Realität zu sagen, was nicht leicht sichtbar, nicht leicht skandalisierbar und noch nicht ganz thematisierbar ist. Der Abstand, den sie zur Realität einnehmen, ist keine Ausflucht, sondern die Distanz, die von der Zuspitzung und Überspitzung erzeugt wird.

Martin Saar, »Drastische Politische Theorie«, 14

III. Drastisch gegenwärtige Philosophie (morgen)

2. Drastisch gegenwärtige Philosophie läuft Gefahr, in unbestimmten Negativismus abzugleiten, wo sie in philosophischer Meditation zeitloser Thesen verharrt.

[Demokratie] ist keine Regierungsweise, sie zeichnet kein kollektives Subjekt aus, und sie löst keine gesellschaftlichen Probleme. […] Damit ist sie, strenggenommen, keine Politik, sondern etwas anderes.

Martin Saar, »Gegen-Politik. Zur Negativität der Demokratie« (2018), 292