Raffaels »Die Schule von Athen« (1510/1511)
Raffaels »Die Schule von Athen« (1510/1511)

Wirksames Wissen. Zu einem Grundbegriff politischer Epistemologie

Wirksames Wissen. Zu einem Grundbegriff politischer Epistemologie

Dieses Buch schlägt vor, unsere Perspektive auf Wissen und sein Verhältnis zur Subjektivität zu verändern, um die eigenständige Wirksamkeit von Wissen in den Blick zu bekommen. Zentral ist dabei, Wissen sowohl als wahrheitsbezogen als auch als wirksam zu begreifen, also weder die alethische noch die dynamische Dimension von Wissen zu vernachlässigen.

Am Rande war und ist diese Idee oft zu finden. Wie ich im ersten Teil des Buches in drei philosophiegeschichtlichen Lektüren herausarbeiten werde, ist die Existenz der Annahme, es gäbe wirksames Wissen in dem Sinne, dass die Kraft dieses Wissens nicht den Subjekten entspringt, die es wissen oder lernen, durchaus geläufig. Wir finden sie sogar dermaßen häufig in der Philosophiegeschichte, dass sie auszublenden bedeuten würde, das philosophische Archiv bedenklich eingeschränkt zu konsultieren. Ich gehe nur auf drei auch für meine systematischen Absichten interessante Fälle ein, in denen uns diese Annahme von der Existenz wirksamen Wissens begegnet: in Platons Dialogen, in der ersten Generation der Kritischen Theorie und in der zeitgenössischen analytischen politischen Philosophie.

Was gewinnt man, wenn man die randständige Annahme, es gäbe eigenständig wirksames Wissen, ins Zentrum rückt? Mit dem umfassenderen Verständnis von Wissen, das dieses als aktive Kraft begreift, erschließen sich ungewohnte, aber erhellende Perspektiven, so argumentiere ich im zweiten Teil des Buchs, beispielsweise auf das Verhältnis von Wahrheit und Politik. Wenn Wissen – das ja an Wahrheit gebunden ist – von sich aus wirkt, kann Wahrheit nicht außerhalb politischer Kämpfe lokalisiert und diesen entgegengesetzt werden, sei’s erfreut, endlich einen unpolitischen Halt gefunden zu haben, sei’s besorgt über die apolitische Diktatur von Wahrheit. Auch die Debatte um die Begriffe von Kritik kann nicht unbeeinflusst von den neuen epistemologischen Grundlagen bleiben, die mit dem Begriff wirksames Wissen erschlossen werden. Er erlaubt eine Pluralisierung des Kritikbegriffs und die Ausarbeitung der Form emanzipierender Kritik, die eine spezifische Art wirksamen Wissens schafft, das gegen sein eigenes Wahrheitsregime ankämpft. Nicht zuletzt ermöglicht der Begriff wirksamen Wissens eine selbstreflexive Wendung auf die Philosophie: Wie eigentlich kann ihr Wissen beschrieben werden und welche Mittel sind dazu erforderlich? Der Blick auf die Wirksamkeit philosophischen Wissens und die für seine ungestörte Entfaltung notwendigen Exklusionstechniken zeigt, wie Philosophiegeschichte als Genealogie des philosophischen Wissens geschrieben werden kann.

All das steht freilich unter dem Vorbehalt, einen präzisen Begriff von wirksamem Wissen ausarbeiten zu können. Die dazu notwendige Auseinandersetzung mit der (analytischen) Erkenntnistheorie und der Praxistheorie sowie dem Pragmatismus findet im dritten Teil des Buches statt. Keiner der beiden Debatten gelingt es derzeit, Wissen zugleich wahrheitsbezogen und eigenständig wirksam zu denken; sie reduzieren Wissen entweder auf seine alethische oder auf seine dynamische Dimension. Mein Vorschlag, die eigenständige Wirksamkeit des Wissens als schwache Kraft von Wahrheit zu begreifen, wird sich dahingehend zu bewährend haben, dass er sowohl der alethischen als auch der dynamischen Dimension von Wissen gerecht werden kann.

Veröffentlichungen

Die Funktionen, die die Diagnose eines »postfaktischen Zeitalters« in den politischen, wissenschaftlichen und medialen Kämpfen der Gegenwart spielt, macht Vernunftkritik zu einer aktuellen und notwendigen Aufgabe.

Radical critiques of reason are possible, I argue, if we turn our attention to the practices of criticizing, if we refrain from a sovereign epistemology, and if we pluralize reason without trivializing it.

Der Beitrag beschreibt das spezifische Wissen von Zeitdiagnosen im Spiegel der Abgrenzungsbemühungen von Soziologie und Philosophie.

Rezension von Romy Jaster und David Lanius (2019): Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen. Stuttgart: Reclam.

»Post-truth« is a failed concept, both epistemically and politically because its simplification of the relationship between truth and politics cripples our understanding and encourages authoritarianism.

I argue that the reasons both for the way ‘biopolitics’ stirred Foucault’s readers and for his subsequent abandonment are to be found in the relation between Foucault’s model of critique and the role ‘biopolitics’ plays in it: it names the counter-truths derived from Foucault’s critical diagnosis of the dispositif of sexuality

Die Diagnose eines »postfaktischen Zeitalters« ist populär, aber falsch. Die Verteidigung von Wahrheiten in der Politik kann nur gelingen, wenn wir ein demokratisches Verständnis von Wahrheit entwickeln. Aber wie?

Interpretations of Foucault’s critique have not payed full attention to all three of Foucault’s methodological imperatives which he calls nihilism, nominalism and historicism. The article offers such a reading of Foucault’s critique.

After distinguishing three pictures of the activity of critique – measuring, disrupting and emancipating critique – I discuss the theoretical activities these pictures commit critical theorists to.

Warum der unselige Begriff »postfaktisch« in die Irre führt.

Der Beitrag untersucht das von liberalen Theorien produzierte Wissen. Er folgt dazu drei Selbstbeschreibungen des politischen Liberalismus, der sich erstens selbst als dominierendes Zentrum der gegenwärtigen Politischen Theorie sieht, der zweitens Anspruch darauf erhebt, mit seinem Wissen die politischen Selbstverständnisse von Bürger_innen anleiten und verändern zu können, und der schließlich drittens seine eigene Wirksamkeit in der Wirklichkeit im Rahmen der Diskussion um ideale und …

Does truth have a history? Whereas Bernard William denies it and only allows a history of truthfulness, I defend the possibility of a critical history or genealogy of truth. Because a trifling relativistic historicization of truth leads to a paradoxically a-historic and pacifistic conception of truth, one must first establish the methodological concepts with which a genealogy of truth can avoid both problems. Three first steps towards such concepts can be found in some of Michel Foucault’s …

Vorträge

Podiumsdiskussion über Vernunftkritik

Basiert auf der Veranstaltung »Vernunftkritik in der kritischen Theorie«.

A defense of radical critiques of reason against the champions of “post-critical” thinking and the decriers of “post-truth”.

A workshop on some preliminary chapters from my new book Effective Knowledge. Rethinking a Basic Concept of Political Epistemology.