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Verantwortung als Subjektivierung. Zur Genealogie einer Selbstverständlichkeit

In Andreas Gelhard, Thomas Alkemeyer, Norbert Ricken (eds.): Techniken der Subjektivierung. München: Fink 2013, 149–161.

Verantwortung als Subjektivierung. Zur Genealogie einer Selbstverständlichkeit

Abstract

Die Behauptung, dass Verantwortung eine Subjektform sowie die Technik zu ihrer Herstellung bezeichnet, wird kaum Erstaunen auslösen. Wozu wären all die auf Verantwortung sich stützenden ethisch-moralischen Normen auch gut, wenn sie nicht unsere Subjektivität formen könnten? Dieses Selbstverständnis als verantwortliche Subjekte ist Nietzsches zentralen Angriffspunkt in der zweiten Abhandlung von Zur Genealogie der Moral. Doch sein Verständnis von Verantwortung als Subjektivierungstechnik und Subjektform war im Kontext des philosophischen Diskurses, in dem er sich selbst verortet, alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Der junge Begriff “Verantwortung” war noch zu eng am Recht orientiert, um ein Selbstverhältnis zu besitzen, und wurde von der Philosophie nur in der metaphysischen Schlacht um die Willensfreiheit gebraucht. Nachdem ich dargestellt habe, dass Nietzsche Verantwortung tatsächlich als Subjektivierungstechnik und Subjektform versteht, widme ich mich daher den Herkünften des philosophischen Verantwortungsbegriffs, um zuletzt vorzuschlagen, dass Nietzsches “lange Geschichte von der Herkunft der Verantwortlichkeit” auf Veränderungen der politischen Verwendung von Verantwortung beruht.