Der 100. Geburtstag von Michel Foucault ist ein willkommener Anlass, um die Wirkung seines vielgelesenen und vielkritisierten Werks neu einzuschätzen. Auf der einen Seite zählt es zu den unangefochten kanonischen Quellen der neueren Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, die Foucault so tiefgreifend geprägt hat wie sonst wohl kein anderer einzelner Autor der Nachkriegszeit. Auf der anderen Seite wird er in immer wiederkehrenden Debatten für irrationale Verirrungen und relativistische Sackgassen des zeitgenössischen Denkens verantwortlich gemacht. Martin Saar und Frieder Vogelmann präsentieren in ihrer philosophischen Lektüre von Foucaults Vermächtnisses weder eine unumstrittene Autorität, an die man einfach anknüpfen könnte, noch finden sie eine bloße Zersetzung von Wahrheit, Verabsolutierung von Identität oder Zersplitterung von Politik. Sie entdecken vielmehr das Modell eines beweglichen, kritisch-diagnostischen Denkens, das sich dem Freilegen der Kontexte und Bedingungen dessen widmet, was jeweils als wahr, authentisch und legitim gilt. Foucaults kritisch-distanzierende Operationen sind weniger Elemente einer allgemeinen Theorie als Ausdruck eines Denkstils, der auf eine Intervention in der Gegenwart zielt. Ihr Gegenstand ist unsere politisch-soziale Wirklichkeit; die philosophische Kritik Foucaults nachzuvollziehen verpflichtet auf eine Reflexion auf die Geschichte unserer Gegenwart und die in ihr wirksame Politik der Wahrheit: auf die Bedingungen unserer Existenz.
